In eigener Sache

© 2019 Friedrich Haugg

Ich weiß ja nicht, was Sie alles mit den neuen Errungenschaften machen,

aber ich kann mir ein Leben ohne Google nicht mehr vorstellen. Früher hatten wir auf einen Meter fünfzig den 12-bändigen Brockhaus und einen Zusatzband. Sollte man etwas gefunden haben, war es nicht mehr aktuell, außer man suchte nach Goethe. Meistens beließ man es bei der Wissenslücke.

Wer war der Schauspieler doch gleich, der in dem Film, du weißt schon, der mit diesem überraschenden Ende, das war doch der Gleiche, der auch in diesem Afrikafilm den Jäger gespielt hat? Der, der gesagt hat: 'Früher haben mich alle Frauen angehimmelt. Heute denken sie: Ach, den gibt es auch noch?' Brockhaus kann das nicht, Google schon. Und dann Google Earth. Städtereisen in 3D und dieser Mount Everest, wunderbar, atemberaubend.

Ein gelungener Schnappschuss. Entwickeln und Vergrößern lassen... nein, das nicht mehr. Ausdrucken, dann in einen Brief stecken. Schon nach ein/zwei Tagen wird der Freund es haben. What's App ist fantastisch.

Google und Facebook, alles kostenlos. Großartig. Nur sollten die sich nicht dem Verdacht aussetzen, dass sie unsere Daten missbrauchen und anderen weitergeben. Furchtbar, diese neuen Konzerne. Gesetze müssen her, das zu unterbinden.

Schon mal darüber nachgedacht, welcher Aufwand hinter der Bereitstellung dieser Leistungen steckt? Die Software, die Rechenzentren, die Netze? Und wir nutzen das alles kostenlos, wie die Luft zum Atmen.

Deren Geschäftsmodell zu zerstören hieße, all diese wunderbaren Dienste vernichten.

Keiner will das wirklich. Also ich bestimmt nicht.

Ich plädiere für Gelassenheit. Gelassenheit, solange diese Systeme nur benutzt werden, um mir personalisierte Werbung zu servieren. Zm Beispiel mir das anzubieten, was ich gerade schon gekauft habe. Damit kann ich umgehen. Ich weiß zu viel, um mich von den unterbelichteten Dumpfbacken beeinflussen zu lassen, die uns als Konsumvorbilder konditionieren sollen.

Fängt aber irgend jemand an, mein persönliches Verhalten zu analysieren, um mich dann mit Repressalien verändern zu wollen, dann hört der Spaß auf. Das chinesische Sozialpunktesystem ist das Perfideste, was sich Menschen ausdenken können. Ausgedacht wurde das schon bei Hitler oder in der DDR, nur mussten die es sehr teuer und unzuverlässig mit Millionen von Menschen mit Blockwartcharakter einkaufen. Dazu braucht man heute fast niemanden mehr. Es ist aber noch schlimmer, weil Algorithmen aufpassen. Die sind per se 'unmenschlich' ohne Toleranz und Mitgefühl. Sie packen individuelle Menschen in ausgedachte Schubladen und behandelen sie danach.

Wissen Sie, was ich dabei am Beunruhigendsten finde? Die Menschen machen freiwillig mit und sind auch noch begeistert. So viel Dummheit kann es doch gar nicht geben, oder?

Was kann man dann noch tun?

Wissen Sie, was 'broken window' bedeutet? Das ist eine ganz interessante Sache. Diese Doktrin wurde bekannt gemacht vom damaligen New Yorker Polizeipräsiedenten Giuliani. Wenn an einem (unbewohnten) Haus einmal eine Fensterscheibe zerbrochen ist, dann ist auch bald das ganze Haus kaputt. Die Konsequenz: Die Scheibe sofort erneuern. Man kann das auch so sagen: Wehret den Anfängen, denn dann kann man noch leicht etwas verändern. Später hilft nur noch der Abriss (die Revolution). Und die macht erst einmal alles kaputt.

Also frühzeitig die Zeichen erkennen. Der Tracker am Armband ist lustig. Sie können am Abend aus den gesammelten Daten ihrer Cloud analysieren, was Sie so den ganzen Tag gemacht haben. Wenn er aber sagt, dass Sie heute noch nicht genügend trainiert haben, beginnt es problematisch zu werden. Denn dann ist der nächste Schritt nicht mehr weit. Ihre Versicherung wird ihre Prämien anpassen. Schließlich sollen doch nicht andere für ihr schlechtes Verhalten bezahlen müssen.

Ihr Auto hat dieses GPS, mit dem man Sie sofort findet, wenn Sie eine Panne oder einen Unfall haben. Gute Sache. Allerdings kann man ganz leicht auch protokollieren, wo sie und wie schnell Sie mit ihrem Auto waren. Beim Überführen von Verbrechern nicht schlecht. Bezahlen ohne Bargeld? Praktisch. Immer flüssig und keiner kann Ihnen Geld stehlen. Dass Big Brother über jedes Brötchen genau Bescheid weiß, ist aber nicht unbedingt beruhigend. Was kann man aus diesen Daten alles machen. Fantastisch. Zum Beispiel, Ihre Ernährungsgewohnheiten analysieren und Ihnen bessere Vorschläge machen.

Die Quintessenz: Das Potential zum Machtmissbrauch ist exponentiell gewachsen. So leicht hatten es Hitler und die DDR nicht. Und die waren schon sehr, sehr schlimm.

Mein Vorschlag? Lassen sie sich nicht komplett vernetzen und verzichten Sie auf Dinge, die ihr Leben nicht wirklich besser machen. Ihr Haus muss nicht automatisiert werden, Ihr Auto sollte lieber nicht autonom fahren (was übrigens auch ziemlich lebensgefährlich ist) und Ihre Lebensgewohnheiten gehen aus gutem Grunde keinen etwas an. Und fallen Sie nicht auf jeden Hype herein. Rauchen ist tödlich, Nichtraucher sollen nicht für diese haltlosen Menschen zahlen müssen. Stimmt doch, oder? Und dann auch noch das tödliche Passivrauchen. Alkohol trinken ist tödlich, Nichttrinker sollten nicht... Fett essen ist tödlich, Nichtfettesser sollten nicht... Unsportlich sein ist tödlich, regelmässige Jogger sollten nicht... Künstler sind nutzlos, ordentlich Arbeitende sollten nicht... Radfahrer überanstrengen sich dauernd und erleiden die meisten Unfälle, Nichtradfahrer sollten nicht... Halt. Nein. Radfahrer sind eine viel zu interessante Konsumgruppe. Eine mit gutem Gewissen. Das sind die, die man am Leichtesten überreden kann, Geld auszugeben.

Am Ende verhalten sich alle gleich und machen alle das Gleiche. Und die ganzen Gleichen passen auch noch auf, dass die anderen auch wirlich das Gleiche machen. Schöne neue Welt.

Übertrieben? Leider nicht. Aber so lange wir noch in einer Demokratie leben, die sich nicht auf demokratische Weise selbst abgeschafft hat, haben wir das Heft noch in der Hand. Ein bisschen wenigstens.


Zum Abschluß ein Mechanismus des Abgleitens, in den jeder ängstliche Mensch geraten kann, also jeder. Vor allem dann, wenn er Gleichgesinnte (im Netz) antrifft. Gelesen habe ich das bei Fred Vargas, eine meiner LieblingsautorInnen (hoffentlich war das gendermäßig korrekt). Stellen sie für sich fest, wo sie gerade sind und kehren sie um, wenn möglich.

.. Unsicherheit
... Verwirrung
.... Zweifel
...... Gewissheit
........ Strenge
......... Perfektion
........... Unfehlbarkeit
............. Unduldsamkeit
............... Erbarmungslosigkeit