An die modernen Jungen

Das sind die mit der kurzen Aufmerksamkeitsspanne.

© 2019 Friedrich Haugg

Lesen. Ihr wisst noch, was das ist? Da sind 25 bis 30 Zeichen, aneinandergereiht und immer mal wieder Zwischenräume, spaces. Keine Emojis und meist recht lang.

''Geliebtes Wesen. Ich sehne mich nach Dir. Wenn Du in mein Angesicht trittst, geht die stahlende Sonne auf. Ich verzehre mich nach Dir und kann es kaun erwarten, Dich in meine Arme zu nehmen. Daß ich Dich schon sehen darf, bevor die achte Stunde schlägt, macht mich zum glücklichsten Menschen der Welt. Ich liebe Dich. Meine Augen sind wie mein Herz nur für Dich auf der Welt, Geliebte.''

8 Buchstaben gegen mehr als 200 und das Gleiche gesagt. Toll.
(Für die, die es nicht verstehen: 'cu' = cee yu = see you = wir sehen uns, 'b4' = bee four = before = vor, '8' = eight = acht und das ist jetzt ein Geheimcode: 143 = I love you = Buchstabenanzahl der Wörter I love you. Auf deutsch lautet der Code: 354, wird aber nicht benutzt.)

Der obige Text ist ziemlich glucosehaltig. Der Untere übrigens auch. Sieht man nicht so direkt.

Der Untere geht schneller. Das ist praktisch. Und man muß nicht lange überlegen, wie man's sagt. Alles vorgefertigt. Auch praktisch, wenn man selbst keine Phantasie und Zeit hat.

Stil! Schon mal gehört? 'cu b4 8..' ist ein Stil. Gar nicht so schlecht, irgendwie witzig. Aber: Es ist ein Standard, den alle benutzen und nicht euer persönlicher Stil.

Einen Augenblick nachdenken und dann etwas ganz Individuelles aufschreiben. Das würde euch unterscheiden. In der Masse nicht auffallen oder herausstechen? Eure Entscheidung.

Etwas von Mark Foster, der sich die Zeit nahm:

''Wie als sich Laura in mein Zimmer hockte
Mein Herz wie wild pochte, weil sie mich wirklich mochte
Wie wir durchs Kaff rannten, wie Bekloppte
Mit Tequila-Shots drin und zu dritt an die Ampel kotzten
Einmal, wie als ich Paragraphen büffeln sollte
Ich wüsst' es besser heute, so viel Zeit vergeudet
Als mal das ganze Land mein Liedchen sang
Vergesst, wer ich war, vergesst meinen Namen
Manches kommt und geht und kommt nie mehr, nie mehr
Und dadurch ist es noch mehr wert
Einmal, einmal, das kommt nie zurück
Es bleibt bei einmal, doch ich war da zum Glück...''

Ein Lehrergrufti würde dazu sagen: Dein Aufsatz weist einen schlechten Ausdruck auf, übersetzt:
D1 lengwitsch isd vong der Neisigkeit aufm level Kevin.

Spaß beiseite. Der Stil des Lieds ist nicht besonders aufregend. Ich meine den Stil, nicht den Inhalt. Ich meine auch nicht grammatikalische Fehler, sondern den Klang, wie der Text sich lesen läßt, wie es läuft. Ziemlich holprig in diesem Fall.

Oder nehmen wir Andreas Gabalier

Happy hour, mitten in der Nacht
Sexy, alles tanzt alles lacht
Vierzig Grad am Dancefloor
Hulapalu sagst du in mei Ohr

Wo's is denn Hulapalu, Wo's ghert denn da dazu
Macht ma beim Hulapalu vielleicht die Augen zu
Kann ma beim Hulapalu die Sterndal sehn
Sag mir, wie soll des Gehn?

Schwachsinn. Ich weiß schon, darum geht es gar nicht, sondern ums mithopsen.

Lest einmal das: Ist von Shakespeare aus Troilus und Cressida

Nichts weiß ein liebend Mädchen, bis sie weiß:
Allein das Unerreichte steht im Preis,
Und so hat niemals noch ein Weib empfangen
Liebe so süß, wie ihr gewährt Verlangen.
Drum folg ich diesem Spruch der Liebessitte:
Gewähren bringt Befehl, Versagen Bitte;
Und mag mein Herz auch treue Lieb empfinden,
Nie soll ein Blick, ein Wort sie je verkünden.

Ist schon altertümlich, klar. Aber der Text fließt, er ist ein Genuss, für mich jedenfalls. Und man muss auch noch nachdenken, um ihn zu verstehen. Nicht schlecht, oder?

Immer noch dabei? Dann könnt ihr weiterlesen.

Ihr könnt Autofahren? Klar, könnt ihr das. Schalten, Kuppeln, Gas geben, richtig Bremsen und auf den Verkehr achten, richtig reagieren. Das ist viel auf einmal. Es geht nur, weil die meisten Handlungen automatisch ablaufen. Ihr müsst darüber nicht nachdenken. Ratiomorph heißt das. Die Älteren haben viel mehr ratiomorphe Programme, weil sie schon länger überlebt haben. Wenn es so viele sind, dass man alles so macht wie gelernt, dann wird's unangenehm. Alte Säcke sind das dann. Völlig unzugänglich für neue Gedanken.

Ihr habt den Nachteil, dass ihr noch vieles bewusst machen müsst, um den Alltag zu meistern. Und genau da seid ihr angreifbar. Bequemer und schneller ist es, sich einen Rat zu holen, als alles selbst erfahren müssen. Aber der Rat darf nicht von alten Säcken kommen. Kommt er attraktiv daher, voll hipp hieß das bis vor Kurzem, dann nimmt man ihn gerne an. Man will ja genauso sein, wie der...

Ja, wie wer denn eigentlich? Jede Zeit hat ihre Helden, denen man nachstrebt. So sind unsere Gehirne gemacht. Keine Chance, dagegen anzukämpfen.

Ein kurzer Blick in den Spiegel genügt und ich weiß, welcher Held ich werden will/kann? Mehr so der Draufgänger, der Eroberer oder mehr derjenige, der durch überlegenes Intellekt oder Raffinesse gewinnt oder mehr der gute Kumpel.

Die Typen findet Ihr alle in der Werbung, der Ihr nicht auskommt. Direkt und indirekt. In den Dauerwerbebannern auf den Webseiten oder im Science Fiction Film, überall steckt sie. Sie bezwecken nur eines: Kaufen, kaufen, kaufen. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern die Logik der Wirtschaft. Es geht einfach nur ums Geld. Oder glaubt ihr etwa, dass der phantastische und unentbehrliche Service von Google von denen aus Menschenfreundlichkeit geschaffen wurde? Selbst wenn, so viel Geld hätten die niemals gehabt. Keiner hätte das gehabt. Also: Wo kommt es her? Eben.

Und so werdet ihr 'modelliert' und konditioniert. Das Ziel ist nicht der glückliche Mensch, sondern der, der immer unzufrieden ist. Nur wer ständig unzufrieden ist, kauft auch ständig. Kapiert?

Was man dagegen tun kann? Nun, das muss man eigentlich nicht. Dieser Zustand macht das Leben leichter. Man ist 'konform' und eckt nirgendwo an.

Bei Hitler war es die Hitlerjugend, die Parteizugehörigkeit und das Nachplappern dummer Sprüche, heute ist es der regelmässige Akt des Kaufens und das Nachplappern cooler, möglichst krasser Slogans.

Will man aber mehr, sollte man sich etwas genauer in der Geschichte umsehen. Dann sieht man überdeutlich, dass die Manipulation schon immer das große Erfolgsrezept war. Das Erfolgsrezept für die wenigen Inhaber der Macht: Feldherren, Kaiser, Päpste, Fürsten, Unternehmer, Banker und wie sie alle heißen.

Übrigens: Wenn die meisten Menschen das erkennen und danach handeln würden, bräche unser System komplett zusammen. Mit schrecklichen Folgen: Armut, Not, Chaos, Krieg. Das ist kein Schwachsinn, sondern die logische Folgerung. Das heutige System hat eine bis dahin nie vorhandene Freiheit für jeden einzelnen von uns gebracht. Jeder kann alles werden, grundsätzlich. Zugegeben: Für den einen ist es schwieriger als für den anderen. Die Reichen schotten sich immer mehr ab mit den alten Rezepten der Fürsten: Heirat nur im eigenen Umfeld, gute Bildung wird verbunden mit hohen Kosten, Berufseinstieg leicht gemacht. Dennoch: Trotz beginnender, immer deutlicher werdenden Schwächen: Es funktioniert und ein Besseres ist nicht in Sicht. Daher ist eine Revolution um der Revolution willen ganz und gar nicht angesagt.

Trotz allem: Ihr habt schon die Macht. Ihr könnt entscheiden, was ihr bei wem kauft. Dazu müsst ihr nur wissen, was ihr wollt. Euer Gehirn kann euch das ziemlich genau sagen. Das würde nicht das System an sich verändern, aber seine Machtverhältnisse. Bringt die an die Macht, die zum Beispiel mit ihren Arbeitnehmern verantwortungsvoll umgehen oder die an die Umwelt denken.

Aber Vorsicht: Genau diese Themen haben sich viele Unverantwortliche bereits 'gekrallt' und setzen sie wirksam ein. Die schlimmsten Handlanger der Großen sind die Marketingleute. Um das zu unterscheiden, braucht es eines: Bildung, Bildung, Bildung. Das war's.

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